Einsatzstellen-Handbuch
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Partizipation

Ein guter Weg, die Bildungs- und Reflexionsfähigkeit von Freiwilligen zu fördern und Lernziele umzusetzen, ist ihre Beteiligung an den Belangen der Einsatzstelle und im Rahmen der Seminararbeit. „Zum Partizipieren gehört, Verantwortung zu übernehmen, zu lernen, seine/ihre Interessen auszuhandeln, Kompromisse zu finden, die Meinung anderer anzuhören und zu reflektieren, zu lernen, dass man sich nicht immer durchsetzt, Mehrheitsentscheidungen mitzutragen. Letztendlich geht es also darum, dass sich Kinder und Jugendliche als wichtig für diese Gesellschaft erleben und lernen, ihre Lebenswelt selbst zu gestalten.“ So die Leiterin des Fachbereichs Neue Medien/Medienpädagogik am Pädagogischen Institut der Landeshauptstadt München Sonja Moser15

.Partizipation stärkt junge Menschen in ihrer Freiwilligenrolle, nimmt sie ernst und kann für beide Seiten bereichernd sein. Darüber hinaus ist sie auch eine Form von Anerkennung

Partizipation ist Voraussetzung von Lernen – sie kann jedoch nicht gelehrt, sondern muss erfahren werden. „Lernen“ beruht in diesem Fall nicht auf reiner Wissensvermittlung, sondern auf Kompetenzerwerb durch das Sammeln von Erfahrungen. Diese machen Freiwillige in ihrer Einsatzstelle, wobei sie wiederum in der Seminararbeit reflektiert werden. Folgende Kompetenzen und somit auch Lernziele werden durch aktive Partizipation nach Sonja Moser16 vermittelt bzw. erreicht:

  1. Selbstkompetenz
    • Eigene Interessen kennen, artikulieren und realisieren
    • Eigene Fähigkeiten und Grenzen kennen
    • Selbstwert, Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit empfinden
    • Unsicherheit, Widersprüche aushalten, Frustration verarbeiten
  2. Sozialkompetenz
    • Empathiefähigkeit
    • In Kontakt treten und sich verständigen
    • Zuhören und verstehen, kooperieren
    • Konflikte bewältigen
    • Lösungen finden
    • Differenzen und Dissens aushalten
  3. Sachkompetenz
    • Fachliches Wissen und Können
  4. Methodenkompetenz
    • Sachverhalte erschließen und aneignen
    • Eigenes Lernen reflektieren und optimieren,
    • Vermitteln/moderieren,
    • Streit schlichten
    • Sich selbst und vor Gruppen präsentieren können

„Jugendliche, die positive Erfahrungen in Partizipationsprojekten gemacht haben, [können] sehr gut beschreiben, welche Kompetenzen sie erworben, was sie konkret gelernt haben und wie sie ihre eigene Entwicklung beurteilen.17

Menschen können in unterschiedlichem Ausmaß einbezogen werden. Insgesamt gibt es sechs (Vor)Stufen von Partizipation, die die folgende Abbildung aus professionell-institutioneller Sicht veranschaulicht . Sie ist als Analyseinstrument gedacht und kann helfen, „eigenes und fremdes Handeln zu reflektieren. Beispielsweise um sich bewusst zu machen, welchen Stellenwert Partizipation in einer sozialen Einrichtung einnimmt. Oder um Handlungsweisen aus dem beruflichen Alltag genauer unter die Lupe zu nehmen […].“19

 

Auf den Alltag in der Einsatzstelle heruntergebrochen bedeutet dies:

1. Fachkräfte informieren über eine Entscheidung etwa zu einer sozialen Dienstleistung. Indem sie ihre Entscheidung transparent machen, haben davon Betroffene die Möglichkeit, sich darauf einzustellen oder darauf zu reagieren und ggf. zu widersprechen.
2. Vor einer anstehenden Entscheidung bringen Fachkräfte in Erfahrung, wie die davon Betroffenen ihre Situation einschätzen, wie sie auf die Entscheidung möglicherweise reagieren und welche Konsequenzen sie evtl. ziehen. Inwieweit dies die Entscheidung der Fachkräfte beeinflusst, bleibt offen.
3. Um besser entscheiden zu können, bitten Fachkräfte einzelne Beschäftigte, sie ausgehend von ihrer Erfahrung zu beraten in dem Wissen, dass ihre Einschätzung nicht unbedingt berücksichtigt wird.

Bei diesen drei Varianten handelt es sich um Vorstufen der Partizipation, sie bedeuten somit keine Teilhabe.

4. Fachkräfte besprechen mit den Beschäftigten einen Sachverhalt und die Möglichkeiten, damit umzugehen. Es folgt eine gemeinsame Abstimmung. Alle von einer Entscheidung Betroffenen haben also direkten Einfluss darauf.
5. Fachkräfte übertragen ihre Entscheidungsbefugnis teilweise, sodass bestimmte Bereiche eigenständig etwas beschließen können.
6. Sämtliche Bereiche treffen alle wichtigen Entscheidungen selbst, wobei Fachkräfte sie dabei unterstützen und begleiten.

Die Partizipation von Freiwilligen ermöglicht Inklusion und Handlungsfreiheit auf beiden Seiten. Darüber hinaus stärkt eine partizipative Arbeitsweise die Selbstbestimmung der Freiwilligen. Sie erhöht auch die Qualität sozialer Dienstleistungen, weil Unterstützung dann nicht mehr nur auf Fachkompetenz, sondern auch auf Lebensweltexpertise, sprich Erfahrungswerten beruht. Um konstruktiv zusammenzuarbeiten, sollten sich die Praxisanleiter/innen ihres Machtvorsprungs bewusst werden, ihn abbauen und die Freiwilligen in ihrer Position stärken. Zudem können manche Freiwillige mit der gegebenen Freiheit nicht umgehen, andere entwickeln sich und ihre Fähigkeiten. Wichtig ist es, einen verlässlichen Rahmen zu geben.

Die Möglichkeiten der Teilhabe können je nach Einsatzstelle unterschiedlich sein und hängen u. a. ab von

  • dem jeweiligen Konzept
  • der Finanzierung der Freiwilligenstellen
  • dem Verständnis hinsichtlich Anleitung und Rolle der Freiwilligen
    Unserer Erfahrung nach haben Freiwillige weniger Möglichkeiten, eigene Akzente zu setzen, je größer und „organisierter“ eine Einsatzstelle ist.

Hier noch ein paar Beispiele für Partizipation von Freiwilligen in einer Einsatzstelle:

  • Gestaltung von Kursangeboten sowie AGs nach Interessenslage und Fähigkeiten
  • Entwicklung, Planung, Umsetzung und Auswertung von Projekten
  • Stimmberechtigung bei Entscheidungen innerhalb des Teams
  • Teilnahme an Teamsitzungen und Supervisionen

 

15Sonja Moser: Beteiligt sein – Partizipation aus der Sicht von Jugendlichen; VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2009; S. 74f.
16Sonja Moser: Beteiligt sein – Partizipation aus der Sicht von Jugendlichen; VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2009
17ebd., S. 315
18nach Gaby Straßburger / Judith Rieger (Hrsg.): Partizipation kompakt – Für Studium, Lehre und Praxis sozialer Berufe; Beltz Verlag 2014; S. 23ff.
19Gaby Straßburger / Judith Rieger (Hrsg.): Partizipation kompakt – Für Studium, Lehre und Praxis sozialer Berufe; Beltz Verlag 2014; S. 23ff.

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