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Krister aus El Villar, Bolivien (jetzt neu: Bolivia by bus)


„Este es la vida en el quinto coño“ (So ist das Leben am Arsch der Welt)

Meine Arbeit ist hier so ziemlich alles was man sich denken kann. In meiner ersten Woche auf dem Dorf war die Englischlehrerin der Dorfschule in Sucre um sich ihr Gehalt abzuholen. Das läuft hier einmal pro Monat so. Da fahren alle Lehrer der Schule die etwa 7 Stunden Busfahrt in die Hauptstadt um sich ihr Geld abzuholen. Es gibt dann einen Tag schulfrei und dann geht’s weiter. Als ich ankam, hatte die Englischlehrerin ihren Ausflug nach Sucre wohl verlängert. Also musste ich mit Patrick, einem anderen Zivi aus Deutschland den Englischunterricht der gesamten Schule alleine schmeißen (aus dem Stegreif!). Don Carlos, der Direktor meinte: „Dass ist nur für heute, Ive (besagte Englischlehrerin) wird morgen wiederkommen“. Am nächsten Tag meinte er: „Ive kommt doch erst morgen“. Den Rest der Woche haben wir den Unterricht natürlich auch gemacht, denn Ive kam erst am Samstag...
In der darauf folgenden Woche waren dann alle Handwerksberufe dran die man sich denken kann. Am Montag gingen Patrick und ich ins Jugeninternat. Dort wurden wir als „Elektriker aus Deutschland“ vorgestellt; als Spezialisten. Wir sollten eine neue Leitung verlegen und am Backofen im Garten des Internats für Licht sorgen. Nachdem wir eine halbe Stunde irgendwelches kaputte Material in unserem Werkzeugschuppen zusammengesucht hatten gingen wir an die Arbeit. Im Anblick der bereits verlegten Leitungen wurden wir auf einmal wirklich zu Spezialisten: Ich weiß nicht wer so lebensmüde und verwirrende Leitungen legt... interessanter wurde die Arbeit auch dadurch, dass etwa 20 Jungs um uns herum standen und am liebsten auch ihre Hände in den Saft gehalten hätten. Es folgte ein Lichtschalter und eine Steckdose im Mädcheninternat, wobei unsere Arbeit für eine Stunde unterbrochen wurde, weil es genau in dem Moment, als wir unsere Konstruktion testen wollten, einen der regelmäßigen Stromausfälle gab (etwa 2x pro Woche für 1 Stunde - 2 Tage).
Bei der nächsten Gelegenheit hielten wir als Maurer her. Don Arturo, bolivianischer Boss, hat uns in seinem Jeep nach Lagunillas mitgenommen. Das ist eine Häusersammlung in der Nähe. Dort haben wir im Kindergarten die Wand desHauses durchstoßen und das erste Fenster des Kindergartens eingebaut, der vorher einfach stockdunkel war. Um die Lücke zwischen Wand und Fenster wieder zu schließen haben wir einfach ein kleines Loch gegraben und Erde mit Wasser gemischt.
Danach haben wir noch ein bisschen Türe und Fenster angestrichen bevor wir unserer Bestimmung als Klempner folgten. In der Vorschule gab uns die Leiterin eine Spüastenkostruktion die es einzubauen galt. Ich muss zugeben, dass ich noch nie in einen solchen Spülkasten geschaut habe, geschweige denn daran rumgebastelt. Dass kann auch daran liegen, dass es so was in Deutschland sicherlich so nicht gibt. Aber auch dass ist uns glückcherweise gelungen. Ich bezweifle übrigens, dass die Toilette an der wir rumgebastelt haben jemals gesäubert wurde...
Vormittags arbeite ich nun in Villar Pampa. Das ist ein winziges Dorf etwa ne Dreiviertelstunde Fußmarsch von hier entfernt (den Namen hab ich mir nicht ausgedacht). Ich gebe dort mit einer anderen Voluntariern zusammen Englischunterricht. Wir müssen jeden Tag hinlaufen ...oder reiten. Unsere Jugendherberge hat nämlich ein eigenes Pferd! Aber eben nur eins...
Nachmittags gebe ich mit Patrick zusammen Computerunterricht im Jungeninternat. Dass hört sich wahrscheinlich alles ein bisschen extrem an, aber es ist hier echt normal, dass wir hier Lehrer sind. Es geht hier auch nicht um irgendwelche Programmierung oder höhere englische Grammatik sondern um das Einfachste vom Einfachen. Das wird einem schnell bewusst, wenn man sich klarmacht, dass die Abschlussklasse (17/18-Jährige) im Englischunterricht damit überfordert waren als sie einen Text im einfachsten Englisch von der ersten in die dritte Person umschreiben sollten: „¿Que es „friend“ en español?“. Der Schuldirektor hat mich auch schon gebeten eine E-Mail für ihn zu schreiben, weil das zu schwierig für ihn sei... Im Computerunterricht haben wir den Kindern in der ersten Stunde beigebracht wie man eine Maus bedient („el maus“ im Spanischen). Neben der „richtigen“ Arbeit merkt man auch wie wichtig es ist einfach nur mit den Jungs hier Fußball zu spielen oder sich irgendwie mit ihnen zu beschäftigen. Die meisten haben Weißen gegenüber überhaupt kein Selbstbewusstsein. In einer Klasse fragte letzte Woche mal ein Lehrer ob die Voluntarier schlauer als die Bolivianer seien. Da sagten alle: „Klar Weiße sind immer schlauer“(!!!). Ein anderer Voluntarier in Alcalá war tatsächlich der erste Weiße einer Schule dort! Die Kinder kennen einen hier sofort. Eigentlich ist man hier sofort eine Dorfbekanntheit.

Jetzt mal zu den Leuten und dem Leben hier auf dem Dorf. Die meisten Familien haben zwei Hauser. Eins in ElVillar und eins auf dem Campo („auf dem Land“). Es wird hier tatsächlich zwischen Dorf und Land unterschieden... Das Dorf, das für jeden Europäer das hinterletzte Kaff wäre, ist hier für die Leute echt eine Großstadt! Ich habe auf dem Campo schon Kinder getroffen, die mit 6 oder 7 Jahren noch nie (!) in ElVillar, geschweige denn in einem größeren Dorf oder einer Stadt waren. Da ist es dann auch kein Wunder, dass alle Kinder angerannt kommen, sich an einen dranhängen und „Gringooooooo!!!“ schreien sobald man irgendwo in der Pampa ankommt.
Zwei Häuser habe ich gesagt? Ja, allerdings muss man die Hütten echt gesehen haben... Meistens gibt es ein großes Zimmer und einen Hinterhof, in dem dann noch mal eine Hütte steht. Falls nicht alle in dem einen Zimmer schlafen, wohnt der Rest mit den Schweinen, Hühnern und anderen Tieren in Hofhütte. In einem so einem Haus lebt dann die Mutter mit etwa vier Kindern und die Grosseltern (meistens gibt es die nicht mehr). Der Vater und die restlichen älteren Kinder arbeiten meist irgendwo oder leben im Internat (das Internat kostet übrigens 30Bs. = 3 Euro im Monat).

„Bolivia by bus“ - Nummer 1:

Strecke: ElVillar – Alcalá, circa 40 Kilometer
Zeit: 3 Std.   Zwischenstopps: nur 3
Abfahrtszeit: geplant 8 Uhr, tatsächlich 9.15

Um halb neun sitzen tatsächlich schon alle Fahrgäste in der Flotta, das Gepäck ist auf dem Dach befestigt; nur der Fahrer fehlt noch. Ah da kommt er schon. Der 16-jährige entschuldigt sich kurz, er habe noch nach den Schweinen gucken müssen. Er setzt sich hinters Steuer und beäugt die Pedale. Hm... Jetzt steigt sein Vater dazu und gibt ihm ein paar Anweisungen. Nachdem der Motor ein paar Mal aufgeheult hat, wir zweimal vor und zurück gefahren sind und dabei (nur leicht) an einer Hauswand vorbeigeschrammt sind, kann es losgehen. Allen Fahrgästen ist klar: Der Junge fährt das erste Mal ein Fahrzeug; man ist also nachsichtig. Die erste Kurve noch innerhalb des Dorfes wird zum ersten Hindernis. Aber nach nur drei Versuchen haben wir auch das geschafft, der Junge scheint Talent zu haben. Die erste Viertelstunde vergeht ohne Probleme, dann wird endlich auch der zweite Gang genutzt, schließlich sogar der dritte.

Es geht erstaunlich schnell voran, was ihm Wagen neben der Regeatonmusik  die in voller Lautstärke dröhnt, für gute Stimmung sorgt. Auf einmal werden wir langsamer, dann drehen sich die Raeder durch. Die Steigung und der Schlammige Weg lassen die Flotta rückwärts rutschen. Zum Glück gelingt es dem Fahrer rechtzeitig die Handbremse zu identifizieren. „Vamos chicos!“  ruft der Beifahrer; alle Männer und Jungs steigen daraufhin aus um zu helfen den Weg mit Sträuchern und Steinen zu pflastern und ihn so wieder befahrbar zu machen. Als wir fertig sind nimmt die Flotta Anlauf und brettert mit Vollgas auf die hinderliche Stelle zu. Die ersten Meter laufen prima, bevor es wieder schwierig wird und wir alle hinter den Wagen springen um ihn anzuschieben. Mit aller Kraft schieben wir die Flotta, mitsamt allen Frauen, die nicht auf die Idee kommen auszusteigen, aus dem Matsch. Vor lauer Euphorie fährt die Flotta nun in vollem Tempo weiter und kommt an der nächsten Ecke ins schwanken.

Einen kurzen Moment steht sie auf zwei Rädern, droht die etwa 5 Meter Abhang runterzukippen; mitsamt allen weiblichen Insassen. Es geht grade noch mal gut. „Caramba, Karacho!“ atmen alle auf. Der Bus fährt weiter bis der Weg wieder in „gutem“ Zustand ist. Diese 3km laufen wir eben. Am Bus angekommen gibt es erst einmal eine Verschnaufpause. Alle lehnen verschwitzt an der Windschutzscheibe. Zur Belohnung gibt es Chicha für alle die geschoben haben... und für den Fahrer natürlich. Der Alkohol wirkt, wir können weiterfahren. Nach zwei weiteren kurzen Pannen und einem Reifenwechsel kommen wir in Alcalá an. Alle bezahlen beim Aussteigen ihre 8 Peso. Als ich grade bezahlen will, fehlt mir auf, das meine letzten Pesos für Koka ausgegeben habe und pleite bin. „Gut geschoben.“ sagt der Beifahrer „du fahrest heute umsonst.“

„Boliva by bus“ – Nummer 2:

Nicht ganz so spannend aber trotzdem lustig ist das Busfahren in Sucre:

Busfahren in Sucre. Ein Thema für sich. Die Busrouten variieren von Fahrt zu Fahrt. Haltestellen gibt es nicht. Eingeweihte wissen wo der Bus möglicherweise vorbeifährt... Sichtet man nun zufällig einen Bus und weis sogar über sein mögliches Ziel bescheid gibt man dem Busfahrer ein Handzeichen, ähnlich dem Taxi herbeirufen und der Bus hält... oder wird zu mindestens langsamer, so dass man aufspringen kann. Dies geschieht an jeder erdenklichen Stelle und löst zeitweise auch kleine oder große Verkehrsstaus aus. Diese werden akustisch von einem Hupkonzert untermalt, wobei der Busfahrer traditionell mit einstimmt. Weitere Beschäftigung des Busfahrers ist es mit einer Hand zu telefonieren und die andere nach hinten zu strecken um den Boliviano Fahrtkosten vom Zugestiegenen zu erhalten. Hierbei gelingt es ihm das Rückgeld zu geben ohne das Geld geschweige denn den Fahrgast jemals gesehen zu haben. Fahrstil variiert zwischen grobmotorisch und Lebensmüde. Gefährdet wird dabei selten der Bus, sondern mehr die Passanten, denen der kühlen Windzug der Außenspiegel in regelmäßigen Abständen eine neue Frisur verpasst. Wer einen Sitzplatz ergattert und dem damit der Schaltknüppel an der Kniescheibe beim Schalten in den zweiten Gang erspart bleibt, kann sich glücklich schätzen und dieses Glück auch gerne mit dem einen oder anderen Bolivianer teilen. Die Sitze haben noch fast den gleichen Komfort wie 30 Jahre zuvor in Südostasien. Die asiatischen Schriftzeichen auf der Windschutzscheibe weichen allmählich der Flut von Heiligenbildern sowie den Bildern der weiten Verwandtschaft des Busfahrers. Durch den Zuruf „¡pare!“ wird eine neue Haltestelle eröffnet. Es empfiehlt sich bereits 5 Minuten vor Ankunft aus dem hinteren Teil des Busses den Weg zum Ausstieg zu suchen um dem Ärger älterer Bolivianer zu entgehen, die einen Halt länger als 10 Sekunden nicht dulden...

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