Ronjas Austauschhalbjahr in Mitchell's Plain
Ein Austauschschüler sein...
das ist etwas, das immer toll, aufregend und nach vielen Abenteuern klingt.
Stimmt ja auch. :) Aber oft wird einem der Ernst dieser Entscheidung schon von den eigenen Eltern versucht klar zu machen.
Ich, Ronja, war für ein halbes Jahr Austauschschülerin der Organisation Volunta vom Deutschen Roten Kreuz und der südafrikanischen Organisation MYEO-SA - und es war, es war unbeschreiblich :D.
Dennoch werde ich für dich versuchen ein paar beschreibende Worte zu finden.
Südafrika was und wo ist das eigentlich? Weißt du das? Ja, es liegt im südlichen Teil Afrikas (echt jetzt?), aber es ist ein ganz eigenständiges Land. Vielleicht sagt dir ja der Name Nelson Mandela was. Ja der war da mal Präsident. Wie gesagt, ich habe in Südafrika gelebt, in Kapstadt, in Mitchell´s Plain, in Rocklands, 2 Bosduif Street.

Meine erste Woche fühlte sich an wie ein Monat und doch nur ein Tag. Ich kam am Flughafen in Kapstadt an, nach über 18 Stunden Flug, und wurde von meiner Gastfamilie und meiner Organisation abgeholt. Die sahen alle ganz anders aus, selbst die von denen ich Fotos gesehen hatte. Es war schon merkwürdig jetzt mit völlig fremden, aber auch fröhlichen, glücklichen Menschen mitzugehen.
Und nach zwei Tagen "Eingewöhnung" in das neue Land war schon mein erster Schultag für den ich vorher eine Schuluniform kaufen musste. Das war ja was. Ich und Marvin, einer der andern Austauschschüler, waren wie kleine Stars auf der Schule. Alle wollten sich mir vorstellen, meinen Namen wissen und alle sprachen so, so schnell.
Mittlerweile hatte ich auch schon die andern drei Austauschschüler kennen gelernt. Also keine Angst, ihr seid zwar weit weg von Deutschland, aber ihr seid nicht allein. Da sind andere AustauschschülerINNEN, denen geht es genau wie euch, und die können sogar Deutsch ;). Und da gibt es die Organisation, die euch umsorgt als wäret ihr ein Teil ihrer Familie, Enkelkinder oder Neffen und Nichten. Und natürlich habt ihr eure Gastfamilien, die für euch da sind, wenn ihr sie lasst. Mit der Organisation macht ihr auch viele touristische Ausflüge.

Am Anfang kann es schwierig sein, alle finden euch toll und aufregend, weil ihr anders und neu seid. Aber sie stellen irgendwann nur noch die gleichen Fragen. Das richtige Leben kann man erst danach kennen lernen, wenn man kein Sonderling mehr ist. Und ich muss euch vorwarnen. Ihr werdet dort drüben (dort unten) durch eure Andersartigkeit (Hautfarbe, Augenfarbe, Akzent...) als sehr attraktiv und hübsch empfunden. Aber nicht vergessen, die Regeln sagen: keine Beziehungen. Dort gibt es eine höhere Rate an schon mit 16 Jahren schwangeren Mädchen als in Deutschland und sie haben dort nicht halb so viele Perspektiven wie hier. Deshalb sind alle mit dem Thema Beziehung sehr vorsichtig. Natürlich gibt es Ausnahmen und besonders strenge Familien, das ist in Deutschland auch so.
Und oft ist auch Religion ein wichtiges Thema. Sehr viele Familien gehen mindestens jeden Sonntag in die Kirche, was aber bitte nicht heißt, dass ihr nur Nonnen- und Priesterkleidung mitnehmen sollt und dürft. Macht diesen Fehler bitte nicht. In der Kleidung gibt es nicht viele Unterschiede. Vielleicht wird dort eher mal ein Unterhemd unter das Ausschnitt T-shirt gezogen, aber das ist auch alles. Und auch im Gottesdienst trägt man alles was schick ist. Ich hatte damals für die Kirche extra etwas schwarzes mitgenommen und war am Ende eine echt graue Maus zwischen allen in rot, gelb, pink, lila und so weiter. Jungs sollten allerdings schon so etwas wie einen Anzug oder Hemden besitzen, das ist schon angebracht. Dafür müsst ihr euch sonst so wirklich keine Gedanken wegen Kleidung machen. Fünf Tage die Woche tragt ihr eure Schuluniform und meist sieht euch dann nicht die halbe Welt nachdem ihr euch zuhause umgezogen habt.

Das Schulsystem im Allgemeinen ist ganz anders. Ihr habt nur ca. 7-8 Fächer und davon 4 Pflichtfächer, der Rest frei gewählt. Es gibt keine Klassen sondern Lehrerräume, keine Aufenthaltsräume für die Pause und keine Regenpausen. In einer Klasse sind ca. 40 Leute und doch - obwohl die meisten Kinder völlig undiszipliniert sind - klappt es mit dem Unterricht. Auch gibt es Wachleute in der Schule, die auf alles auspassen, was so passiert. Die Lehrer sind im Allgemeinen herzlicher, weil ihnen die Schüler und nicht nur ihre eigenen Fächer wichtig sind.
Herzlich und interessiert an euch und eurer Geschichte sind im Allgemeinen alle. Und doch gibt es außer der in Deutschland verlorenen gegangenen Freundlichkeit ganz andere Kulturunterschiede. Bitte glaubt nicht, dass ihr heranreifende Teenager seid, die so toll und selbstständig sind, weil sie weit weg von zuhause sind. Ihr seid jetzt in Südafrika und ein Teil der Familie und habt euch unter Umständen eurem ältesten Geschwisterkind zu unterstellen. Denn sind die Mütter aus dem Haus, wird in der Regel auf die älteste Tochter gehört. Sind die Väter nicht da, auf die ältesten Jungs. Die Idee vom freien, elternlosen Leben weit weg von den biologischen Eltern wird als Austauschschüler in fast keinem Land wahr. Ihr seid in einer Familie, einer Familie in deren Regeln ihr euch fügen müsst. Ihr seid zwar elternlos (die biologischen), aber nicht ohne Familie.

Auch werden alle Erwachsenen nicht einfach mit Vornamen von euch angesprochen. Die Personen, die älter sind als ihr, also Respektpersonen, müsst ihr mit Onkel, Tante oder gegebenenfalls mit Großmutter, Großvater ansprechen, selbst wenn sie gar nicht mit euch verwandt sind. Auch mögen es Gasteltern meist nicht, wenn sie dir von etwas abraten und du machst es trotzdem, außer sie sagen dir direkt: it is your choice. Also kommt es nicht ganz so gut an, wenn es schon 18-19 Uhr ist und ihr mal eben noch zu einer Freundin/einem Freund wollt. Das hat mit der hohen Kriminalitätsrate zu tun, von der man aber nicht wirklich etwas spürt. Also sicher seid ihr schon. Aber auch Dank der Regeln und dadurch, dass es in Südafrika wegen der kontinentalen Lage einfach schon um mindestens 18-19 Uhr abends anfängt dunkel zu werden. Und um öffentliche Verkehrsmittel ist es nicht so gut bestellt, abends erst recht nicht. Da wo man hin will, da wohnt man nahe genug dran. Keine S-/U-/Straßen-Bahnen oder ein gutes Busnetz, um mal eben von A nach B zu kommen. Nur im Stadtkern, was aber auch erst zur WM 2010 gebaut wurde.
Vieles, vieles wird anders sein, aber dadurch auch interessant und anziehend. Wenn mich einer von euch fragen würde, ob sie/er mich mitnehmen soll nach Südafrika, wäre mein Koffer in wenigen Minuten gepackt und ich startklar.
Als Austauschschüler werdet ihr lernen zu vermissen, erst Deutschland, eure Familie, Klasse, Freunde etc. und dann Südafrika - für eine Andersartigkeit, Einzigartigkeit und die Menschen, die ihr dort getroffen habt, mit denen ihr ein Stück eures Leben geteilt habt.

Ronja (Austauschhalbjahr 2009)






